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Andacht - wie schwer es ist schwerhörig zu sein!
Ich wurde kürzlich per Brief zu einem Hörtest eingeladen. Ich bin ja jetzt auch schon in einem Alter, da passiert das automatisch! Und ich dachte mir: naja, guck doch mal, wie das bei dir ist. Geh mal hin und mach den Test.
Denn oft merkt man es ja als letzter, wenn man schlecht hört. Ich musste dabei auch an meinen Vater denken. Der ist 92 Jahre alt geworden. Leider ist er schon vor zwei Jahren verstorben.
Aber dass er alt geworden war, dass merkte er nicht nur in den Knochen, sondern auch an den Ohren. Er war sehr, sehr schwerhörig. Ohne Hörgerät musste man ganz laut sprechen, damit er einen versteht. Und am besten ihn dabei direkt ansehen. An der bunten Kaffeetafel mit vielen Menschen konnte er gar nichts mehr hören. Wenn alle um ihn her sich unterhielten, saß er oft einsam in der Menge und starrte vor sich hin. Oft sagte er resigniert: „Lasst mich mal zuhause“, wenn es eine Einladung zum Geburtstag gab. „Ich kriege ohnehin nichts mit.“
Auch in den Jesusgeschichten spielt Gehörlosigkeit oft eine Rolle.
Da bringen Menschen einen zu Jesus, der ist vollständig gehörlos. Nichts dringt an sein Ohr. Er kann die anderen Menschen nicht verstehen – er sieht, wie die Münder sich bewegen, er liest Gefühle – aber der Hintergrund dieser Gefühle erschließt sich ihm nicht so leicht. Er kann es nicht einordnen, wenn sie lachen: lachen sie ihn aus?
Und so ist er zutiefst verunsichert. Er traut seiner Stimme nicht. Hat er überhaupt eine? Er kann sie nicht kontrollieren. Er weiß nicht, ob sie laut oder leise ist. Er erlebt nur, dass Menschen ihn entsetzt anstarren, wenn er versucht, etwas zu sagen. So ist er mit der Zeit stumm geworden. Lieber nichts sagen, lieber nicht auffallen. Nicken, den Kopf schütteln, wegsehen. Mit der Zeit erlischt das Funkeln in den Augen. Sie werden matt. „Ob er am Ende auch noch schwachsinnig ist?“ fragen sich seine Angehörigen. Sie machen sich Sorgen. Was soll aus ihm bloß werden? Und soll dieses taube, stumme, stumpfe Leben denn immer so weiter gehen?
Und dann kommt Jesus in die Gegend. Simon weiß nichts von Jesus. Er erlebt nur, dass seine Leute ihn hochzerren und am Arm mitziehen. Mitten in einen Pulk von Leuten bringen sie ihn. Das mag er nicht, so viele Menschen. Denn dann wird er immer angestarrt. Doch dann steht er diesem Mann gegenüber. Er hat ihn noch nie gesehen.
Seltsam, dieser Mann starrt ihn nicht entsetzt an. Auch nicht mitleidig oder befremdet sieht er aus. Er blickt auch nicht verlegen weg, wie so viele andere. Sondern er schaut ihm in die Augen. Intensiv. Forschend. Aber auch liebevoll und stärkend. Ermutigend.
Simon lässt es zu, dass Jesus ihn etwas zur Seite führt. Jetzt scheint es so, als gäbe es nur noch Jesus und Simon. Jesus redet nicht auf ihn ein. Sondern er berührt ihn. Legt seine Finger auf die tauben Ohren. Berührt die Zunge, die von diesem Menschen so verlegen stillgehalten wird.
Das ist das so Wichtige an dieser Geschichte. Jesus nimmt diesen Menschen ganz an! Und zwar mit seiner Gehörlosigkeit, mit seinen Sorgen, mit seiner ganzen Unsicherheit. Er schenkt ihm einen intensiven, langen Moment, in dem beide ganz allein sind. Und dann blickt er zum Himmel und sagt ein Wort: „Hefata“ – Tu dich auf!
Und Simon erlebt, wie sich die Welt für ihn ändert. Er kann verstehen. Er kann sprechen. Er kann wieder in Kontakt mit seiner Umwelt treten. Seine Einsamkeit und Isolation sind vorbei. Und die Menschen sagen: Gott hat alles wohl gemacht; die Tauben macht er hörend und die Sprachlosen redend.
Ja, es wäre schön, wenn wir das heute auch könnten! Wenn wir die schwerhörigen und gehörlosen Menschen heilen könnten, so wie Jesus es getan hat. Leider gelingt uns das nur ein wenig: mit Hilfsmittel wie Hörgeräten kann man ja wenigstens ein bisschen Abhilfe schaffen. Die Schwerhörigkeit an sich zu heilen – das ist für uns meistens leider nicht möglich.
Und dennoch glaube ich, dass wir aus der Wundergeschichte der Bibel etwas lernen können! Und das ist die Art und Weise, wie Jesus mit dem gehörlosen Menschen umgeht. Er widmet ihm Zeit. Er bleibt geduldig. Er sieht ihn an und zeigt ihm: Ich verstehe, was du durchmachst. Ich weiß, was dich quält.
Es ist nicht so schwer, das Leben eines Schwerhörigen zu verbessern! Und das können wir alle tun, indem wir es wie Jesus machen!
Jesus macht es uns vor und lädt uns ein, auf die Stummen und Sprachlosen dieser Welt zuzugehen. Die Augen meines Vaters jedenfalls begannen immer dann zu leuchten, wenn jemand beim Geburtstag sagt: „Komm, wir gehen mal einen Moment in den Garten.“ Wenn er dann abseits vom Trubel in Ruhe erzählen konnte und sich jemand Zeit nahm, um ihm zuzuhören, mit ihm zu lachen. Er freute sich, wenn jemand ihn nicht anbrüllte, sondern einfach deutlich und in seine Richtung sprach. Er war glücklich, wenn man Verständnis für ihn hatte und ihn wegen seiner Behinderung nicht links liegen ließ oder für dumm hielt, sondern ihm einfach Liebe und Zuneigung schenkte.
Das ist gar nicht so schwer, das Leben eines Schwerhörigen oder Gehörlosen zu verbessern! Und wenn man so will, können wir den Menschen so genauso den Himmel öffnen, wie es Jesus mit dem Wort „Heffata“ gemacht hat.
Denn wem die Gemeinschaft wieder offensteht, der kann auch ein Stück vom Himmel erkennen, der sich auftut, wo wir anderen Mut machen, andere stärken, anfassen, ansehen, liebevoll begleiten.
Gott hat die Menschen so gemacht, wie sie sind – und fast jeder von uns hat irgendeine Einschränkung, irgendein Zipperlein, irgendeine Krankheit. Er liebt uns alle – als fehlbare, verletzbare, unvollkommene, auf Hilfe angewiesene Wesen. Nur in der Gemeinschaft können wir den Himmel füreinander öffnen! Und nur im liebevollen Miteinander können wir das erlösende „Hefata“ erfahren. Probiert es mal aus! Gleich heute! Amen.
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