Andacht zum Reformationstag
Am 31. Oktober ist ein besonderes Fest für uns Protestanten: Der Reformationstag. Das Reformationsfest ist ungleich viel älter als Halloween – 509 Jahre ist es her, dass Martin Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen zur Rechtfertigungslehre an der Tür der Schlosskirche zu Wittenberg anbrachte. Er hat damit einen Prozess angestoßen, der zu einem großen Umdenken im Glauben führte und letztlich die evangelische Kirche als neue Konfession entstehen ließ.
In einer Zeit, die geprägt war von Angst und wo den Menschen bewusst Angst vor dem Tod und vor der Hölle gemacht wurde, entdeckte Luther für sich den Gott der Liebe. In einer Zeit, wo den Menschen gesagt wurde: Ihr müsst Geld bezahlen, damit ihr in den Himmel kommt, entdeckte Luther das Vertrauen und den Glauben neu und öffnete so den Himmel für die Menschen. Luther hat sich getraut, aufzustehen gegen die Geldmacherei des Vatikans, der dringend Spenden für den Bau des Petersdoms in Rom brauchte. Er hat sich gegen die Mächtigen seiner Zeit gestellt und sich getraut, Unrecht beim Namen zu nennen. Und das, obwohl das schwere Konsequenzen für ihn selbst hatte und er damit sein Leben aufs Spiel setzte. Damals hat er die Menschen begeistert und inspiriert, Kirche ganz neu zu denken. Und dafür bewundern wir ihn bis heute sehr.
Wir Heutigen leben in einer Zeit, die ganz selbstverständlich davon ausgeht, dass der liebe Gott es schon gut mit uns meint. Die Angst der Menschen damals vor der Hölle und dem ewigen Fegefeuer ist vergangen. Und das ist gut so. Denn ein Glaube, der auf Angst aufgebaut ist, ist wertlos.
Doch ohne Angst leben wir heute ja trotzdem nicht!
Im Gegenteil: Die Menschen heute haben vor vielen Dingen Angst. Steigende Lebenshaltungskosten, die Frage, wie man noch das Heizen bezahlen soll, die Zukunft überhaupt mit Klimakrise und politischer Unsicherheit – all das bewegt uns. Die Zukunft macht uns Angst. Und in der Kirche kommen noch ganz andere Ängste dazu. Die Aufbruchstimmung der Reformationszeit ist längst vergangen. Die Zeit, wo die Menschen in die Buchhandlungen strömten, um sich eine Bibel zu kaufen, ist passé. Im Gegenteil: Die Kirche spielt im Leben vieler Menschen kaum noch eine Rolle. Wir werden weniger und müssen gerade lernen, dass wir unser Selbstbild von Kirche massiv verändern müssen. Aber gerade das fällt so schwer!
Ich ertappe mich bei dem Wunsch, es möge alles bleiben, wie ich es kenne. Die vertrauten Räume, die gewachsenen Formen, das Gemeindeleben, das mir Heimat geworden ist. Ich möchte nicht ständig Abschied nehmen oder etwas neu erfinden müssen. Aber am Reformationstag frage ich mich: Können wir die Erinnerung an einen Aufbruch feiern und uns zugleich gegen jede Veränderung sperren? Vielleicht beginnt Reformation für uns gerade dort, wo wir diese Spannung ehrlich wahrnehmen.
Jesus hat einst seine Jünger ausgesandt, um seine Botschaft weiterzugeben. Er verspricht ihnen dabei keinen bequemen Weg. Im Gegenteil: Er sagt voraus, dass es Schwierigkeiten und Widerstand geben wird. Aber er sagt auch: Fürchtet euch nicht. Gott ist bei euch! Er kennt euch wie niemand sonst. Und er wird euch Mut und Kraft für diesen Weg geben. Und Menschen, die mit euch auf dem Weg sind. Nicht alles wird immer sofort gelingen. Aber was auch geschieht: ihr fallt nicht aus Gottes Hand.
Jesus hat seinen Jüngern keine Erfolgsgarantie gegeben. Luther hat die Reformation nicht angefangen, weil die Zeit dafür günstig gewesen wäre. Sondern die Jünger und auch Luther sind losgezogen, weil die Menschen sie brauchten. Gegen Furcht und Zittern, mit ihren eigenen Unzulänglichkeiten kämpfend, sind sie losgezogen und haben das Beste gehofft. Und daran können wir uns ein Beispiel nehmen.
Auch ich hätte gern eine verlässliche Prognose für die Kirche: volle Räume, gesicherte Stellen, Menschen, die begeistert mitmachen. Doch keine Tabelle kann mir die Zukunft versprechen. Planen bleibt nötig, Verantwortung ebenso. Nur muss ich dabei nicht so tun, als hinge alles an mir. Ich bin nicht beauftragt, die Kirche oder gar die Welt allein zu retten. Ich darf von dem erzählen, was mich trägt: von Gottes Liebe und Treue, von einer Hoffnung, die meiner Angst nicht das letzte Wort überlässt.
In dieser Freiheit entdecke ich auch meine Verantwortung für andere. Wenn ich meinen Wert nicht ständig beweisen muss, kann ich den Blick von mir selbst lösen. Ich kann zuhören, jemanden in der Trauer begleiten, Freude teilen oder bei einem Menschen bleiben, der nicht weiterweiß. Ich kann daran erinnern, dass ein Leben mehr ist als Leistung und Erfolg. Die Bedeutung der Kirche muss ich nicht nur behaupten. Ich kann sie dort erfahrbar werden lassen, wo ich für andere da bin.
Vielleicht bedeutet Mut deshalb nicht den großen, furchtlosen Auftritt. Vielleicht bedeutet er, trotz meiner Unsicherheit eine Tür zu öffnen, meine Stimme zu erheben oder einen neuen Weg zu versuchen. Ich darf Bewährtes wertschätzen, ohne alles festhalten zu müssen. Die Zukunft der Kirche muss keine kleinere Ausgabe ihrer Vergangenheit sein. Ich weiß noch nicht, was entstehen wird. Aber ich möchte darauf vertrauen, dass Gott auch morgen Möglichkeiten hat, die ich heute noch nicht sehe.
Vielleicht habt ihr ja Lust, am Reformationstag (31. Oktober) um 18 Uhr in der Segenskirche ein bisschen Mut zu tanken. Wir setzen uns zusammen und feiern Reformationstag mit einem zünftigen Westfälischen Abendmahl. In der Gemeinschaft wächst Zuversicht. Kommt doch auch! Ihr seid herzlich willkommen.
Adresse
Segenskirche
Deutsche Strasse 71
44339 Dortmund
Öffnungszeiten
Mo - Mi: 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Do: 10:00 Uhr - 12:00 Uhr
Fr: 10:00 Uhr - 13:00 Uhr
Freitags nur telefonisch oder per E-Mail
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